Villa Patumbah

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Bild: CC by Roland Fischer, Zürich (Switzerland)

Was hat die Villa Patumbah mit den ausbeuterischen Aspekten des kolonialen Tabakhandels zu tun?

Ein Text von 

Monique Ligtenberg ‍

Die 1885 erbaute Villa Patumbah gehört bis heute zu den opulentesten Villen Zürichs. Ihr Bauherr Karl Fürchtegott Grob war einer der reichsten Zürcher des 19. Jahrhunderts. Der Kaufmann und Bäckerssohn erwirtschaftete einen Grossteil seines Vermögens auf der Insel Sumatra, die damals zum niederländischen Kolonialreich in Asien gehörte.

Auf Sumatra herrschte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wahre «Goldgräberstimmung». Die fruchtbare Insel im heutigen Indonesien versprach Europäern schnelles Geld mit dem Anbau von kolonialen Produkten wie Kaffee oder Tabak. Karl Fürchtegott Grob erfuhr zufällig auf seiner mehrjährigen Italienreise von den vielversprechenden Ertragsmöglichkeiten, die ihn in der niederländischen Kolonie erwarteten. In Italien lernte er auch seinen späteren Geschäftspartner Hermann Näher kennen, mit dem er 1869 die dreiwöchige Schiffsreise nach Sumatra antrat.

Kurz nach ihrer Ankunft gründeten sie das Unternehmen «Näher und Grob», um in den besonders lukrativen Tabakhandel einzusteigen. In nur wenigen Jahren erwarben sie 25'000 Hektaren Land. Doch die Feldarbeit unter den tropischen Bedingungen war anstrengend und gefährlich, die lokale Bevölkerung auf Sumatra liess sich kaum dafür anwerben. Grob und Näher griffen deshalb auf Arbeiter aus China und der benachbarten Insel Java zurück, wo zu dieser Zeit grosse Arbeitslosigkeit herrschte. Die Arbeitskraft war so günstig, dass sie insgesamt 4'300 Chinesen und Javaner auf ihren Plantagen beschäftigen konnten. Das Tabakgeschäft florierte, innert kürzester Zeit konnten die beiden Geschäftsmänner ein stattliches Vermögen anhäufen.

Aus der Perspektive der chinesischen und javanischen Arbeiter sieht diese Geschichte weniger erfreulich aus. Regelmässig erlagen Plantagenarbeiter tropischen Krankheiten und Erschöpfungserscheinungen. Gewalt, Willkürherrschaft und Ausbeutung gehörten zum Tagesprogramm. Aufstände gegen die misslichen Arbeitsbedingungen wurden teils blutig niedergeschlagen.

1879 verkaufte Grob seine Tabakplantagen und kehrte in die Schweiz zurück. Vier Jahre nach seiner Rückkehr beauftragte er die berühmten Zürcher Architekten Chiodera und Tschudy mit dem Bau dieser Villa im heutigen Seefeld. Er benannte sie nach dem Dorf Patumbak, in dem sich seine erste Plantage befunden hatte. Die Villa Patumbah ist dem  Architektur-Stil des Historismus zuzuordnen, der Elemente aus Barock, Renaissance und weiteren Epochen kombiniert. Als Erinnerung an seine Zeit in Sumatra liess Grob das Obergeschoss im Stil der niederländischen Kolonialarchitektur gestalten und mit fernöstlichen Motiven zieren. Im Brunnen vor der Villa sieht man zudem eine Muschel, die Grob von seiner Rückfahrt über den Indischen Ozean mitgebracht haben soll. Die Villa Patumbah ist heute öffentlich zugänglich und beherbergt seit 2013 das erste Heimatschutzzentrum der Schweiz.

Monique Ligtenberg ist Doktorandin an der Professur für Geschichte der Modernen Welt an der ETH Zürich.
Andreas Zangger: Koloniale Schweiz. Ein Stück Kolonialgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930), Transcriptverlag, Bielefeld 2011.