Rathaus Zürich

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Foto von Roland ZH, CC BY-SA 2.0 (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11360370)

Die Schweiz profitierte und investierte in den transatlantischen Sklavenhandel - auch Zürcher:innen.

Konrad Kuhn (Audio folgt bald...)

Rechts im Erdgeschoss des Zürcher Rathauses befand sich die Stube der 1755 gegründeten Zinskommission Leu. Diese erste Bank Zürichs war nach ihrem Säckelmeister bzw. Schatzmeister Leu benannt worden, wie es damals bei den französischen Privatbanken modisch war. Die Bank war errichtet worden, um die grossen Geldmengen, die sich bei den Zürcher Bürger:innen angehäuft hatten, als Kredite zu verleihen. Solche Darlehen vergab die Bank auch mehrfach an französische und dänische Sklavenhandelsfirmen, die damit ihren risikobehafteten und profitablen Dreieckshandel finanzierten.

Der transatlantische Sklavenhandel mit Menschen aus Afrika begann etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus der Dreieckshandel zwischen Westafrika, der Karibik und Europa. Europäer:innen exportierten gewobene Stoffe, Alkohol und Waffen nach Afrika und "tauschten" diese gegen Schwarze versklavte Menschen, die meist von einheimischen Sklavenhändlern entführt und verkauft wurden. Die europäischen Sklavenhändler wiederum liessen die versklavten Menschen per Schiff nach Amerika transportieren. Die Atlantiküberfahrt war sehr gefährlich: es starben bis zur Hälfte der versklavten Menschen und ein Viertel der Besatzung. Die überlebenden versklavten Menschen arbeiteten auf Plantagen in der Karibik, in Brasilien oder in den Südstaaten der USA, auf denen Zucker, Rum, Baumwolle oder Tabak für den Export nach Europa angebaut wurden, wo sie begehrte Luxusgüter waren (vgl. Kirchgasse 32). Am Anfang des Dreieckshandels im 17. Jahrhundert erzielten einige kreditgebende Firmen Renditen von bis zu 800%. Die Sklaverei wurde offiziell erst im 19. Jahrhundert abgeschafft.

Neue historische Forschungen zeigen, dass auch Schweizer Bürger:innen und Unternehmen in kolonialen Ländern versklavte Menschen für sich arbeiten liessen, sie als Handelsware ansahen und sie ausbeuteten. Auch zahlreiche Zürcher:innen waren  direkt oder indirekt in Sklavenhandel und Sklaverei verwickelt: Der Zürcher Pfarrer Heinrich Grob beispielsweise beutete versklavte Menschen im südamerikanischen Surinam aus. Auch der nach Brasilien ausgewanderte Zürcher Arzt Theodor von Muralt war Sklavenbesitzer. Nach seinem Tod 1863 wurden die versklavten Menschen namentlich in seinem Testament wie Besitztümer neben Tieren und diversen Möbeln  genannt. Ein weiteres Beispiel ist Jakob Christoph Ziegler, der sich durch Scheidung und Konkurs in Zürich unbeliebt gemacht hatte – damals ein üblicher Grund, um die Heimatstadt zu verlassen. Er ging daraufhin als Söldner nach Niederländisch-Ostindien, in das heutige Indonesien. In der Kolonie übernahm er einen Posten in der kolonialen Verwaltung auf Sumatra und "besass" drei versklavte Menschen. So berichtet er seiner in Zürich lebenden Mutter: „Auch kaufte ich mir um diese Zeit eine Sclavin ein Mädchen von ungefähr 17 – 18 Jahren, für 40 Spanische Thalers, welche ich kochen, waschen, glätten und alles was zu einer Haushaltung nöthigist, lernte. Ausserdem versieht sie auch den Dienst als Frau, und ich bin in allen Rücksichten damit sehr zufrieden. Ich habe überdies noch zwey männliche Sclaven zum Wassertragen, Holz hacken und so weiter. Der Unterhalt dieser Unglücklichen ist unbedeutend und besteht aus Reis und Salz. Ein paar frische, getrocknete oder gesalzne Fische sind Leckerbissen für sie.“

Es gab zudem Zürcher:innen, die Plantagen in der Karibik besassen, auf denen versklavte Menschen arbeiteten. Daneben investierten reiche Zürcher Bürger:innen wie der Theologe Leonhard Meister, die Familie Escher, die Gebrüder Usteri oder die Privatbank Hottinger in den Sklavenhandel. Und auch der Stadt Zürich selbst gehörten im Jahre 1727 Aktien einer englischen Sklavenhandelsfirma.

Wir sehen also, dass Zürcher:innen und Zürich zu Sklaverei und Sklavenhandel engere Verbindungen hatten, als uns aus heutiger Sicht vielleicht lieb ist. Erschreckend ist, dass kaum jemand in Zürich die Sklaverei als menschenverachtende Institution in Frage stellte, sondern sie als selbstverständlichen Teil des europäischen kolonialen Handels- und Unterdrückungssystems verstand. Schweizer:innen der alten Eidgenossenschaft waren gemäss aktuellen Recherchen an der Versklavung von etwa 172'000 Menschen beteiligt, dies macht 1,5% der geschätzten 11 Millionen versklavten Menschen aus. Eine hohe Zahl für ein Land, das keine Seemacht war und offiziell nie Kolonien besass.


Konrad Kuhn ist Assistenzprofessor für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Kulturanalyse des Regionalen, die Wissensanthropologie und die Geschichts- und Erinnerungskultur. Mit den Verbindungen zwischen Zürich und der Sklaverei befasst er sich auch im Rahmen des Rundgangs „Zürich - global-exotisch“ des Vereins Stattreisen.

Weiterführende Literatur:

  • Fässler, Hans: Reise in Schwarz-Weiss: Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei, Zürich 2005.
  • Kuhn, Konrad J.: Der Zürcher „Black Atlantic“. St. Croix - Credit Suisse, in: Kurjakovic, Daniel; Koch, Franziska; Pfäffli, Lea (Hg.), The air will not deny you. Zürich im Zeichen einer anderen Globalität, Zürich/Berlin 2016, S. 155-158.
  • Kuhn, Konrad J.; Ziegler, Béatrice: Die Schweiz und die Sklaverei: Zum Spannungsfeld zwischen Geschichtspolitik und Wissenschaft, in: Traverse – Zeitschrift für Geschichte 1/2009, S. 116-130.
  • Brengard, Marcel; Schubert, Frank; Zürcher, Lukas: Die Beteiligung der Stadt Zürich sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Bericht zu Handendes Präsidialdepartements der Stadt Zürich, Zürich 2020.