Plattenstrasse 10

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Der Abriss des alten Gasthofs Plattengarten begrub die Spuren einer rassistischen Vergangenheit.

Ein Text von 

Sally Schonfeldt

Hier weist nichts darauf hin, aber es war genau auf diesem Grundstück an der Plattenstrasse 10, wo die Gebäude des Gasthofs Plattengarten standen. Auf seinen Bühnen fanden im 19. Jahrhundert einige der ersten sogenannten “Völkerschauen“ statt. Dabei wurden lebende Menschen aus aussereuropäischen Kulturen einem schaulustigen Publikum vorgeführt. Wenn auch der Plattengarten einer der ersten Orte in der Schweiz war, der solche Zurschaustellungen durchführte, so folgte er doch einem europaweiten Trend, der stark mit den Eroberungszügen der europäischen Kolonialmächte einherging.

Zunächst wurden nur einzelne als vermeintlich “exotisch” eingestufte Personen in Gefangenschaft gehalten und öffentlich ausgestellt. Aufgrund des breiten Zuschauer*inneninteresses nahmen die Völkerschauen in ganz Europa aber schnell grössere Ausmasse an, so dass schliesslich ganze Dörfer und Gruppen entführt und wie Tiere im Zoo vorgeführt wurden. Diese Schauen hatten wenig mit der Lebenswelt der ausgestellten Menschen zu tun. Vielmehr bedienten sie die kolonialen Fantasien und rassistischen Vorstellungen eines europäischen Publikums. Dieses wollte sich – in Abgrenzung eines aussereuropäischen Anderen – seiner eigenen, vermeintlichen Überlegenheit vergewissern.

So war es auch mit einer der ersten Völkerschauen im Plattengarten. 1882 wurden dort elf Mitglieder der Kawesqar zur Schau gestellt. Gegen ihren Willen wurden sie aus ihrer Heimat, der Tierra del Fuego im südlichen Teil des chilenischen Patagoniens, entführt und in Zürich als “Die Wilden von den Feuerlandinseln” angepriesen. Während ihres Aufenthaltes in Zürich wurden sie wie Gefangene behandelt: Sie durften sich nicht frei bewegen und lebten unter prekären Bedingungen. Wie schlimm diese waren, zeigt die Tatsache, dass fünf der elf Kawesqar in Zürich verstarben. Ihre Skelette waren im anthropologischen Institut der Universität Zürich aufbewahrt und vergessen worden, bis sie der chilenische Historiker Christian Báez A. 2002 entdeckte. Die sterblichen Überreste der Kawesqar wurden 2010 schliesslich an ihre Nachfahren zurückgegeben.

Zürich war ein etablierter Ort für Völkerschauen, die zu jener Zeit ein beliebtes Ausflugsziel waren. Mit dem Abriss des Gasthofs wurden die Spuren dieser rassistischen Vergangenheit begraben. Mit dem Abriss des Gasthofs Plattengarten wurden die Spuren dieser rassistischen Vergangenheit begraben. Sich mit diesem historischen Erbe auseinanderzusetzen, ist jedoch von unschätzbarem Wert. Denn die eurozentrische Annahmen von weisser ethnischer Überlegenheit, bestehen bis heute in unserer Gesellschaft weiter.

Sally Schonfeldt ist freischaffende Künstlerin. Sie erforscht in ihren Arbeiten, wie Geschichte produziert und gesellschaftlich verankert wird. Damit fragt sie nach, wer über Geschichte und Erinnerung bestimmt. Sie verwendet die Geschichtsschreibung, um die Methode der Wissensproduktion in Bezug zum postkolonialen Diskurs und die Stellung der Frau in der Geschichte zu hinterfragen. Dadurch fordert sie immer wieder die eurozentrische Geschichtsschreibung heraus. Schonfeldt doktoriert ausserdem in Indigenous Studies an der Australian National University, wo sie über indigene australische menschliche Überreste in Schweizer Sammlungen forscht.