Mühlegasse 17

< Zurück
CC ML

Der Jazzclub Africana: Zwischen stereotypen Afrikabildern und internationalem Begegnungsort.

Marino Ferri; gelesen von Alina Vimbai Strähler & Patrick Balaraj Yogarajan

„So afrikanisch wie es die Feuerpolizei gestattet hat“: So habe die Firma Scheuble ihr neues, alkoholfreies Lokal an der Mühlegasse 17 eingerichtet, berichtete die NZZ am 8. Mai 1959. Der ehemalige Zähringerhof hiess nun Africana. Holzmasken, Lanzen, Teppiche und Tonfiguren zierten den Innenraum. Wandmalereien verstärkten die exotisierende Ambiance. Und eine „wie Kaffee ohne Crème getönte Dame, die einem Zigaretten verkauft“, zählte die NZZ ebenfalls zu den „echten Africana“.

Viele der ausgestellten Kunstgegenstände stammten aus den Beständen von Emil Storrer, einem Zürcher Kunsthändler, Dokumentarfilmer und zeitweiligen Organisator von Völkerschauen. Er brachte von seinen Reisen nach Westafrika Kunstobjekte in die Schweiz, verkaufte sie weiter oder verlieh sie temporär, z. B. dem Museum Rietberg.[1]

Die Initiative zur Gründung des Africana kam von der Zürcher Jazzszene. Das Lokal bot sowohl schweizerischen wie auch amerikanischen und afrikanischen Künstler:innen eine Bühne. Die Blues-Pianisten Joe Turner und „Champion“ Jack Dupree waren vertraglich angestellt. Turner lebte seit 1949 in der Schweiz und war als Barpianist in Zürich bereits wohlbekannt. Unter anderem spielte er in der ebenfalls von Scheuble betriebenen Wirtschaft „Althus“ am Talacker 11.

Ab 1962 zogen im Africana Dollar Brand und Sathima Benjamin das meiste Publikum an: Das südafrikanische Paar war wegen der repressiven Apartheid-Politik ins Exil gegangen. Heute unter dem Namen Abdullah Ibrahim weltbekannt, wurde Brand im Africana von Weltstar Duke Ellington entdeckt.

Das Africana war ein ambivalenter Ort: Einerseits bestätigte die Innendekoration koloniale Stereotypen. Herkunft und Erwerb der Gegenstände sind im Kontext der Afrikareisen von Emil Storrer kritisch zu befragen. Andererseits war das Jazzlokal ein Begegnungsort, wo ein Austausch mit afrikanischen und afro-amerikanischen Künstler:innen stattfand. Dies gilt allgemein für die seit den frühen 1950er-Jahren existierende Zürcher Jazzszene. Internationale Grössen spielten im Kongresshaus, aber auch in kleinen Clubs. Die bürgerlich-konservativen Stadtbehörden freute das kaum. Polizeiliche Schliessungen waren an der Tagesordnung. Als 1959 Louis Armstrong im Hallenstadion auftrat, setzte die Polizei Gummiknüppel gegen Jugendliche ein.[2]

Zwischen schweizerischen und Weissen wie Schwarzen südafrikanischen Musiker:innen entstanden durchaus freundschaftliche Beziehungen. Doch es gab auch Konflikte. Der Jazzmusiker Bruno Spoerri war damals regelmässig im Africana. Er berichtet, dass Dollar Brand an hitzigen Abenden auf den Tisch stehen und rufen konnte: „I hate white people!“. Andererseits erinnert sich Maxine McGregor, die Frau des weissen südafrikanischen Musikers Chris McGregor, an die verklemmte und distanzierte Art der Zürcher/innen. Sie empfand Zürich als eine Stadt der unterdrückten Emotionen, in der man auf der Strasse verbluten könne, ohne dass jemand zu Hilfe käme.[3] 

Das Africana war kein ausgesprochen politischer Ort. Die lokalen Musiker:innen haben im Kontakt mit den südafrikanischen Kolleg:innen keine antikoloniale Solidaritätsbewegung entwickelt. Auch für die Südafrikaner:innen stand meist die Musik im Zentrum, nicht Protest oder Aktivismus. Die romantisch-stereotypisierenden Afrikabilder der Einrichtung und die sozio-politische Realität der vor dem Apartheid-Regime geflohenen Künstler:innen existierten miteinander. Im Africana überlagerten sich mehrere schweizerisch-afrikanische Kontaktzonen. Gerade deshalb ist dieses unscheinbare Kellerlokal ein spannender Ort, um über verschiedene Formen schweizerischer kolonialer Verflechtungen nachzudenken.


Marino Ferri hat Germanistik, Geschichte und Kulturwissenschaften in Zürich und Luzern studiert. Er promoviert zur Zeit mit einer Arbeit über "Flüchtlinge als Student:innen an Schweizer Hochschulen, 1946-1975" an der Universität Luzern (SNF-Projekt, 2019-2022). Er interessiert sich für Zeitgeschichte im weitesten Sinne.

Quellenvermerke:

  1. Tacier-Eugster, Heidi. Das Museum Rietberg Zürich und Elsy Leuzinger: Vom Sehen zum Wissen. Basel: Schwabe, 2019. S. 244.
  2. Merki, Christoph. Charlie Parker statt Ho Chi Minh. Jazz im Aufbruch jenseits von Politparolen. In: Hebeisen, Erika et al. (Hg.) Reformen jenseits der Revolte. Zürich in den langen Sechzigern. Zürich: Chronos, 2018. S. 139-147, hier: S. 141; ebf. in: Staub, Ueli (Hg.) Jazzstadt Zürich. Von Louis Armstrong bis Zurich Jazz Orchestra. Zürich: NZZ, 2003.
  3. Merki 2018, S. 145.