Landesmuseum

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Bild: CC by Roland Fischer, Zürich (Switzerland)

Was hat es mit einem Tisch auf sich, den der Schweizer Bundespräsident seinem türkischen Amtskollegen geschenkt hat?

Ein Text von 

Nistiman Erdede

Tische sind Gebrauchsgegenstände. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, landen sie häufig im Brockenhaus oder – wenn sie historisch bedeutend sind - im Museum. So fanden bereits viele Tische ihren Weg in das Landesmuseum. Es gibt aber einen Tisch, der nicht hier steht, obwohl er es verdient hätte. Er bildet gewissermassen eine Lücke im Museumsbestand. Denn auf diesem Tisch wurde am 24. Juli 1923 folgenschwere Politik gemacht.

1923 stand der Tisch in Lausanne. Auf ihm wurde ein Vertrag unterzeichnet, der die Geburt der modernen Türkei besiegelte und seine internationale Existenz gegenüber dem Westen absicherte. Dies hatte zur Folge, dass zahlreiche Minderheiten des Osmanischen Reiches – namentlich die armenische, die kurdische, und die griechische – jene Rechte einbüssten, die ihnen noch drei Jahre zuvor im Vertrag von Sèvres zugebilligt worden waren: die Gründung eines unabhängigen Armeniens sowie eines autonomen Kurdistans. Der Vertrag von Lausanne legitimierte Atatürks Regime und versetzte dem Projekt eines autonomen kurdischen Gebietes den Todesstoss. Er besiegelte das Ende eines unabhängigen Armeniens, nachdem bereits mehr als die Hälfte von dessen Bevölkerung einem Völkermord zum Opfer gefallen war.

Als der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin im Jahr 2008 die Türkei besuchte, schenkte er diesen Tisch von Lausanne als „Geste des guten Willens“ seinem türkischen Amtskollegen. Dieser Tisch erinnert jedoch nicht nur, so wie von Couchepin beabsichtigt, an die gemeinsame Geschichte der Türkei und der Schweiz, sondern auch daran, dass der darauf abgeschlossene Vertrag von Lausanne unzähligen Menschen in der damaligen Türkei grosses Leid zugefügt hat. Bis heute gehen deswegen jedes Jahr am 24. Juli pro-kurdische Aktivist*innen auf die Strassen von Lausanne, um gegen seine Unterzeichnung zu demonstrieren.

War sich der Bundespräsident bewusst, welches symbolische Gewicht ein solches Geschenk für die Minderheiten haben kann, die ihrer Rechte beraubt und Opfer von Massakern wurden? Wäre es in einer postkolonialen Schweiz nicht viel eher angebracht, solche Tische im hiesigen Landesmuseum auszustellen, um damit auf die Schweizer Verstrickungen in die lokalen Grenzziehungen der heutigen Türkei zu verweisen und diese kritisch zu hinterfragen? Für zahlreiche Geflüchtete aus dieser Region, die seit vielen Jahren hier in der Schweiz leben, wäre es jedenfalls ein Symbol der Anerkennung ihrer eigenen Geschichte.  

Nistiman Erdede (*1979,Nord Kurdistan/TR) ist Dekolonialer Künstler, Kurator, freischaffender Radiojournalist und Texter-Konzepter. Er lebt in Zürich. In seinen Arbeiten befasst er sich mit den Themen Exil und kollektiver Erinnerungskultur