Bahnhofstrasse 18


Warum die Dekolonisierung und Kapitalflucht der Schweizer Nationalbank Sorge bereitete und wie ein „Gentlemen’s Agreement“ das Problem lösen sollte – aber scheiterte.

von Loriana Crasnic

1983 eröffnete die Banque de l’Indosuez eine Filiale an der Bahnhofstrasse 18, im Herzen des Schweizer Finanzdistrikts. Die Filiale war die dritte Niederlassung der französischen Bank in der Schweiz. Die ursprünglich für die Finanzierung der kolonialen Entwicklung in Asien gegründete und früher als Banque de l’Indochine bekannte Bank war seit 1979 in Genf und seit 1957 in Lausanne tätig. Die Eröffnung der ersten Filiale im Jahr 1957 war für die damalige Zeit alles andere als ungewöhnlich. Viele ausländische Banken, vor allem aus Nordafrika und dem Nahen Osten, versuchten damals, auf dem Schweizer Finanzplatz Fuss zu fassen. Die Zahl dieser neuen ausländischen Banken war in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre so hoch, dass sie bei den Sitzungen der Schweizerischen Nationalbank eine wichtige Rolle spielte. 

Die Schweizer Nationalbank war über den ungewöhnlichen Zufluss ausländischen Kapitals besorgt. Von Anfang der 1950er Jahre bis 1955 waren die ausländischen Anlagen im Land um mehr als 500 Millionen Schweizer Franken gestiegen, was einem Anstieg von 15 Prozent entspricht. Das Geld kam hauptsächlich aus Marokko, Tunesien, Algerien und insbesondere aus Tanger, oft über „illegale Kanäle,“ wie ein Angestellter der Nationalbank damals berichtete. 

An der Strasse von Gibraltar gelegen, war Tanger während der Kolonialzeit ein Ort ungewöhnlicher wirtschaftlicher Freiheit. Die Tangier International Zone wurde als „Hafen der vier Freiheiten“ bezeichnet und hatte keine Steuern, keine Zölle für Transitgüter, eine liberale Kapitalverkehrspolitik und umfangreiche Vorschriften zur Wahrung des Bankgeheimnisses. Als Marokko 1956 von Frankreich unabhängig wurde, verkündete das neue Regime, dass die Sonderstellung von Tanger ein Ende habe. Die über 100 in der Stadt tätigen Banken würden denselben Gesetzen und Vorschriften unterliegen wie der Rest Marokkos.

Diese Ankündigung führte zu einer hektischen Suche nach neuen Orten, die als Vermittler für Finanzdienstleistungen dienen könnten. Tanger war nicht der einzige Ort, an dem Kapitalanleger in Panik gerieten. Da viele ehemalige Kolonien in den 1950er und frühen 1960er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten, machte sich die allgemeine Befürchtung breit, dass die neuen Regierungen die lokalen Eliten zwingen würden, ihr Vermögen abzugeben. Die Europäer:innen verliessen das Land und nahmen ihr Geld mit, unter anderem in die Schweiz.

Die Schweiz hatte sich in der Zwischenkriegszeit den Ruf eines sicheren Hafens erworben und bot eine Alternative zu den politisch instabilen und hoch besteuerten Systemen Deutschlands, Frankreichs und Italiens. Die Dekolonisierung festigte diesen Ruf und brachte noch mehr ausländische Gelder in die Schweizer Wirtschaft oder wie es eine Schlagzeile der Financial Times damals ausdrückte: „Die Schweizer können das ‚heisse‘ Geld nicht fernhalten.“ Eine Flucht in den Schweizer Franken war jedoch aus makroökonomischer Sicht nicht wünschenswert – die durch den Mittelzufluss ausgelöste Aufwertung der Währung drohte Schweizer Exporte zu verteuern und negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu haben. Die Schweizerische Nationalbank war so besorgt über den Mittelzufluss und eine potenzielle Überhitzung der Wirtschaft, dass sie die Privatbanken des Landes dazu verpflichtete, sich an ein sogenanntes Gentlemen’s Agreement zu halten. Die Banken erklärten sich freiwillig bereit, keine Zinsen auf ausländische Gelder zu zahlen und, soweit möglich, die Verwendung ausländischer Gelder für den Kauf von Schweizer-Franken-Investitionen zu verhindern. Dadurch hoffte man, den Zufluss ausländischer Gelder zu unterbinden.

Letztendlich erwies sich das Gentlemen’s Agreement, obwohl es mehrmals verlängert wurde, als eher ineffektiv. In der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein folgte ein „Goldenes Zeitalter“ des Schweizer Bankwesens. Nach dem Zufluss ausländischer Gelder aus den ehemaligen Kolonien kamen mit der Normalisierung der Beziehungen zu den alliierten Mächten und der Wiederherstellung der Konvertierbarkeit der europäischen Währungen auch Gelder aus europäischen Ländern hinzu. Die Bilanzsumme der Schweizer Banken versechsfachte sich, das reale BIP der Schweiz stieg um das 4,5-fache, und der Ruf der Schweiz als sicherer Hafen wurde auch in der Popkultur immer häufiger erwähnt: James-Bond-Filme nutzten die Schweiz sowohl als Kulisse für rasante Verfolgungsjagden – wie jene am Furkapass in Goldfinger (1964) – sowie als Standort für geheime Bankkonten.

Weiterführende Literatur

  • Financial Times (1957): Swiss Can't Keep “Hot” Money Out, 26 February 1957. 

  • Giddey, Thibaud. 2013. The Regulation of foreign banks in Switzerland (1956-1972). Foreign Financial Institutions and National Financial Systems. European Association for Banking and Financial History S. 449-485. https://hal.science/hal-03036084/document

  • Guex, Sébastien. 2022. The Emergence of the Swiss tax haven, 1816-1914. Business History Review S. 353-372.

  • Harris, Cheryl I. 1993. Whiteness as property. Harvard Law Review 106(8) S. 1707-1791.

  • Ogle, Vanessa. 2020. 'Funk money': The end of empires, the expansion of tax havens, and decolonialisation as an economic and financial event. Past and Present S. 213-249.

Zur Autorin

Loriana Crasnic schrieb ihre Dissertation an der Georgetown University in Washington D.C. über den Widerstand der Finanzzentren gegen internationale Vorschriften zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung. Sie lebt derzeit in Zürich.