Belvoirpark

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Foto von Grün Stadt Zürich, CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/)

Kakteen, Kolonialwaren und die Familie Escher. Über koloniale Verstrickungen der Zürcher Oberschicht im 19. Jahrhundert

Text von Eliane Schmid und Julian Schellong; gelesen von Denise Hasler und Michèle Breu

Im Zürcher Kreis 2 liegen nicht nur das Arboretum, die Voliere und die Sukkulenten-Sammlung, die mit sogenannt “exotischen” Pflanzen und Tieren locken, sondern auch der prächtige Belvoirpark. In ihm wachsen Bananenstauden und andere tropische wie subtropische Pflanzen. Die Pflanzenwelt im Park erinnert noch heute an die kolonialen Verstrickungen ihres Bauherrn Heinrich Escher.

Heinrich Escher, Vater des bekannten Zürchers Alfred Escher, liess das Anwesen im Belvoirpark 1831 erbauen, nachdem er von seinen Handelsreisen in Nord- und Zentralamerika heimgekehrt war. Dort war er durch den Handel mit Kolonialgütern ein reicher Mann geworden.

Ursprünglich stammte Heinrich Escher aus einer wohlhabenden Familie. Doch die zwielichtigen Bankgeschäfte seines Vaters schmälerten das Familienvermögen. Heinrich Escher finanzierte sich also aus den letzten Familienersparnissen eine Ausbildung in Paris, wie es sich damals für Mitglieder des Zürcher Bürgertums gehörte. Mit Ende zwanzig reiste er dann nach Amerika. Dort versuchte er sein Glück als Kaufmann und Spekulant mit Erfolg! Der Handel mit Plantagenprodukten wie Baumwolle, Kaffee, Tabak und Reis brachte die Familie wieder zu Reichtum. Zu dieser Zeit herrschte in weiten Teilen Nordamerikas noch Sklaverei. Es ist also wahrscheinlich, dass viele der Produkte, mit denen Heinrich in Amerika handelte, von versklavten Menschen angebaut und verarbeitet wurden.

Solche kolonialen Überseekarrieren waren für das Zürcher Bürgertum im frühen 19. Jahrhundert zwar nicht typisch, aber durchaus im Rahmen des Denkbaren. So zog es beispielsweise auch Heinrich Eschers Bruder Friedrich auf die andere Seite des Atlantiks. Auf der Insel Kuba betrieb Friedrich Escher jahrelang eine Kaffeeplantage, auf der mindestens 82 versklavte Menschen arbeiten mussten.

Die Escher-Brüder konnten das Familienkapital in der Schweiz in kolonialen Wirtschaftsstrukturen wieder aufbessern. Dieses Geld ermöglichte nicht zuletzt auch die prachtvolle Gestaltung des Belvoirparks. Das Grundstück umfasst eine Villa, eine grosse Parkanlage und eine Sammlung von Pflanzen aus Übersee, zum Beispiel die bereits erwähnten Bananenstauden. Auch die ersten Kakteen der Sukkulenten-Sammlung am Mythenquai stammen aus dem Privatbesitz Heinrich Eschers. Zudem hinterliess Escher eine beträchtliche Insektenkollektion, die er in Nord- und Zentralamerika gesammelt hatte. Als er 1853 verstarb, vermachte er seine riesige Sammlung einheimischer und gebietsfremder Insekten an das entomologische Museum der ETH Zürich. Der Belvoirpark samt Anwesen befindet sich heute im Besitz der Stadt Zürich.

Wer also heute durch den Belvoirpark oder die Alfred-Escher-Strasse spaziert, wird Zeuge der kolonialen Verstrickungen der Zürcher Oberschicht im frühen 19. Jahrhundert. Zürcher Bildungsbürger:innen interessierten sich damals für alles “Exotische” und reisten teilweise selbst in kolonisierte Gebiete. Dabei konnte der globale Handel mit Kolonialwaren für sie sehr lukrativ sein. Das manifestiert sich nicht zuletzt im Belvoirpark, der bis heute vom Reichtum seines Bauherrn Heinrich Escher zeugt.


Eliane Schmid ist seit September 2019 Masterstudentin im Studiengang Geschichte und Philosophie des Wissens an der ETH Zürich. Zuvor hat sie Geschichte, mit Nebenfach Englischer Literatur, an der Universität Zürich studiert. Ihre Bachelorarbeit "The Making of Hakone Gardens: An Entangled History of American Elites and Japanese Gardeners, 1915–1932" zeigt ihren Interessensschwerpunkt: Die Rolle von Gärten im frühen 20. Jahrhundert. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Globalgeschichte mit speziellem Fokus auf Ostasien.

Julian Schellong hat Geschichte und Philosophie des Wissens (M.A.) an der ETH Zürich studiert. Er interessiert sich insbesondere für die Geschichte der Klimawissenschaften im 20. Jahrhundert und hat sein Studium mit einer technikhistorischen Arbeit über das Wetterbeobachtungsnetz in der Schweiz abgeschlossen («Wetteraufschreibesysteme 1864/1978. Automatisierung und Digitalisierung im meteorologischen Beobachtungsnetz der Schweiz»).

Weiterführende Literatur:

  • Zeuske, Michael (2019): Tod bei Artemisa. Friedrich Ludwig Escher, Atlantic Slavery und die Akkumulation von Schweizer Kapital ausserhalb der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69 (1).
  • Brengard, Marcel; Schubert, Frank; Zürcher, Lukas (2020). Die Beteiligung der Stadt Zürich sowie der Zürcherinnen und Zürcher an Sklaverei und Sklavenhandel vom 17. bis ins 19. Jahrhundert: Bericht zu Handen des Präsidialdepartements der Stadt Zürich. Zürich: Universität Zürich, Historisches Seminar.